Das Wort Bindungsalarm bezieht sich auf das konkrete Verhalten der Partner bei negativer Nähe.
Bindungsalarm...
- Bindungsalarm meint das Verhalten bei negativer Nähe.
- Bindungsalarm drückt sich entweder in Angriff oder in Rückzug aus.
- Ein Bindungsalarm dauert solange, bis das Bindungsgefühl sich wieder OK anfühlt.
Fühlt sich eine Bindung für einen oder beide Partner zu distanziert, zu unwichtig oder zu instabil an, dann schlägt das emotionale Gehirn Bindungsalarm.
Bei Bindungsalarm fangen wir an, uns in bestimmten typischen Mustern zu verhalten: Entweder wir ziehen uns zurück oder wir greifen an. Häufig ist eine Mischform zwischen Rückzug und Angriff zu beobachten. Und natürlich variiert auch die Stärke des Rückzugs respektive des Angriffs.
Das Alarmverhalten dauert jeweils so lange, bis das lädierte Bindungsgefühl wieder in Ordnung gebracht, man kann sagen: "repariert" wurde.
Partner haben voneinander auch spezifisches Wissen, was Alarm auslöst und was noch im Toleranzbereich liegt. Dieses Wissen um die Reaktionen mussten sich die Partner in den meisten Fällen durch Alarm-Erlebnisse und tiefere Gespräche erarbeiten. So können wir auch bei kleinen Unstimmigkeiten viel unternehmen, um Ruhe oder Harmonie in die Beziehung zurückbringen. Einfach weil die meisten Partner spüren, dass aus etwas Kleinem unter Umständen etwas Grösseres werden kann.

Verhaltensmuster bei negativer Nähe
Die Grafik nebenan illustriert die verschiedenen Verhaltensmuster bei negativer Nähe.
Angriff-Angriff
Hier wandeln beide Partner Ihre negativen Emotionen der Verletzlichkeit () in ungesunde Wut um und greifen an. Es wird laut und die Partner streiten. Keiner ist fähig, die echten Gefühle offen zu legen und dem Partner zu zeigen. Wenn dieses Muster nicht rechtzeitig gestoppt wird, dann eskaliert es.
Angriff-Rückzug
In dieser Variante des Bindungsalarms zieht sich eine Person nach einem Angriff zurück, während die andere Person weiter hinter dem Partner her ist und versucht, im Kontakt zu bleiben. Da der Kontakt aber negativ geprägt ist, zieht sich der Partner erneut zurück, was wieder zu einem Angriff führt usw. Das ist das häufigste Verhaltensmuster bei negativer Nähe.
Rückzug-Rückzug
Beide Partner ziehen sich zurück und meiden Nähe. Beide betäuben innerlich die Unsicherheit, die Angst oder die Verletzung. Sie versuchen, reaktive Wut zu unterdrücken und die tatsächlichen negativen Emotionen schlucken sie herunter oder "fressen" sie in sich hinein. Der Selbstschutz steht im Zentrum, zum Beispiel auch in Form von "falschem Stolz", der es unmöglich macht, Nähe wieder zuzulassen. Es fühlt sich an, als ob beide über ihren Schatten springen müssten, aber keiner es kann. Immer wenn es zu persönlicher Nähe kommen könnte, dann verschliessen sich beide. Meistens wissen die Partner gut, wie einander aus dem Weg zu gehen ist. Beide können sich sehr einsam und verlassen fühlen, sind aber nicht in der Lage, aus dieser Position auszubrechen und das Risiko der Offenlegung der Gefühle einzugehen.
Kleiner Alarm
- Typisch für den kleinen Alarm ist, dass ein Rückzug oder Angriff erfolgt aufgrund Missverständnisse und schlechter Kommunikation.
- Das Ansprechen des Alarms ist für beide Seiten relativ schnell möglich und führt zur Klärung.
- Der Rückzug respektive Angriff kann auch stillschweigend beendet werden beim nächsten notwendigen Kontakt. In der Regel ist der nächste Kontakt positiver und der Alarm wird begraben.
- Häufig sich wiederholende "kleine Alarme" können ein Alarmmuster ausbilden, auf das die Partner mit der Zeit heftiger reagieren (grosser Alarm).
Grosser Alarm
- Typisch für den grossen Alarm ist, dass sowohl Rückzuge wie auch Angriffe emotional intensiv sind.
- Es bleiben Verletzungen, Verunsicherungen, Ängste etc. zurück, die wieder hochkommen beim nächsten Alarm (
).
- Die folgenden Kontakte sind weiterhin geprägt vom Alarmgefühl.
- Das Löschen des Alarms ist aufwändig und benötigt von beiden Seiten emotionale Kompetenz und Kommunikationsgeschick.
Merkmale von Bindungsalarm
Das Verhaltensmuster bei negativer Nähe ist entweder Angriff oder Rückzug. Meist ist ein Angriff sofort als solcher zu erkennen, manchmal findet er versteckt statt. Für den Rückzug gilt, dass er meistens augenfällig ist, manchmal aber stillschweigend geschieht, fast unbemerkt.
Wie ein Angriff oder Rückzug konkret aussieht, hängt ab vom Temperament und Persönlichkeit der Person und von der Art der Verletzung respektive des Konflikts ab. Oft hat das Paar auch ein eingefahrenes Muster bei Alarm. Beispielsweise zieht er sich eher zurück, während sie eher zum Angriff neigt.
Äussere und innere Merkmale beim Angriff: Heisse Wut
- Äusserlich zeigt sich ein Angriff vor allem in Form von Kritik, Nörgeln, abschätzigen Bemerkungen, Lächerlichmachung. Je grösser die reaktive Wut, desto mehr "Verbalmüll" wird vom Angreifenden produziert. Verbal macht der Angreifende den andern zum schlechteren Menschen als er selber: Zum Bösen, Schlechten, Schuldigen, Unfähigen, Dummen etc. Im Extremfall kann es auch zu einem physischen Angriff kommen.
- Innerlich ist der Angreifende in einer heissen Wut, um die Verletzung, die Unsicherheit, die Angst (etc.) vor sich selber und vor dem Partner zu verbergen. Die Wut ist ein Selbstschutz, ein Abwehrmechanismus, um die Verletzung nicht zu zeigen.
Äussere und innere Merkmale beim Rückzug: Kalte Wut
- Ein Rückzug ist äusserlich weniger erkennbar als ein Angriff. Er zeigt sich dadurch, dass der Kontakt zum Partner gemieden wird. Der sich zurückziehende Partner antwortet mit Schweigen, reagiert nicht mehr, zieht sich in ein anderes Zimmer zurück, mauert, zieht eine Fassade des Selbstschutzes auf, bespricht nur Oberflächliches und unbedingt Notwendiges, meldet ungern oder gar nicht, wann er/sie was macht, lässt die Beziehung links liegen, grummelt, flucht leise vor sich hin, weint im Stillen und versteckt, macht "gute Miene zum bösen Spiel".
- Innerlich ist der sich Zurückziehende in einer Art "kalten" Wut, mit der er / sie die verletzten Gefühle betäubt. Diese "kalte" Wut wird vor allem dann sichtbar, wenn ein Kontakt zum Partner trotz dieser emotionalen Lage zugelassen wird oder unausweichlich ist. Ansonsten schützt sich dieser Partner vor der Verletzung (Traurigkeit), der Angst oder der Unsicherheit und legt die hinter dem Rückzug versteckte Emotion nicht offen. Er (sie) frisst in sich hinein. Gedanklich gibt es zum Angriff keinen Unterschied: Im Stillen wird die Beziehung oder der Partner abgeschrieben, eventuell verteufelt, zum schlechteren Menschen gemacht. In seltenen Extremfällen "explodieren" die Gefühle auf einmal und es kann zu einer Affekthandlung kommen.